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Menschen in Diktaturen“ Teil III Lesung aus Stasi-Akten Professor Helmut Haenel
Die Stasi als „Schutz und Schild der Partei“
IMs der ehemaligen Staatssicherheit der DDR und ihre Machenschaften
Dass die Stasi-Vergangenheit die Menschen noch immer nicht überwunden haben, zeigte die mit etwa einhundert Gästen überaus gut besuchte dritte Lesung unserer Veranstaltungsreihe „Menschen in Diktaturen“. Erika Haenel, Witwe von Prof. Dr. Helmut Haenel, der 1964 bis 1981 die Geschicke des Zentralinstituts für Ernährung Potsdam-Rehbrücke leitete, gab ganz private Einsicht in die Machenschaften der Staatssicherheit, wie einem wissenschaftlichen Leiter nicht nur die Forschungsarbeit seines Hauses erschwert wurde. Ein parteiloser Institutsleiter passte nicht in die Landschaft eines sozialistischen Staates.
Erika Haenel will etwas anderes erreichen, als kürzlich Pfarrer und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer zum Ausdruck gebracht hatte. Seine Worte „Macht die Stasiakten zu, vergiftet euch damit nicht das Leben“, ist nicht ihre Intention, das Thema dürfe nicht begraben werden.
Über 1000 Seiten musste Helmut Haenel 1992 bei erster Akteneinsicht lesen, verfasst von 17 inoffiziellen Mitarbeitern, den IMs, vorwiegend aus dem eigenen Haus, die auf ihn angesetzt waren. Der Institutsdirektor im Ruhestand hinterfragte noch vor seinem Tod 1993 deren Motive, erhielt teils sachliche Antworten, teils erkannte er ihre Bemühung, keinen Schaden mit ihren Berichten anzurichten.
15 Kategorien von IMs habe es gegeben. Warum ließen sich ganz normale Mitmenschen als IMs zu Spitzeltätigkeiten missbrauchen. War es Erpressung, Überzeugung, erhofften sie sich Vorteile? War es Rache, Neid oder Geltungsbedürfnis? Die Motivation war vielgestaltig, mit Fantasie gespickte Berichte deshalb nicht selten aber umso brisanter, meint Erika Haenel. Solche Lügen hängen wie Pech am Menschen.
Die Frage danach, wie sich Menschen in einer Gesellschaft missbrauchen lassen, die das Mittel der Bespitzelung nutzt, um ihre Macht zu erhalten, ist allgegenwärtig. Nach Jahren konnte Erika Haenel über einige Abschnitte aus der Akte voller Dummheit und Banalität lachen. Das darf aber nicht von der ernsten Gefahr der Zeit ablenken. „Mir ist heute klar, dass die wissenschaftliche Arbeit meines Mannes und des Instituts überhaupt durch die ständige Konfrontation massiv behindert wurde. Als einziger Parteiloser unter den Direktoren der Akademieinstitute stand er immer unter Generalverdacht, feindliche Tätigkeit zu begehen.“ Aber selbst mit den Partnerinstituten in den sozialistischen Ländern durften die eigenen Forschungsergebnisse nur verschleiert ausgetauscht werden.
Ein Sachstandsbericht der Stasi von 1976 bescheinigt Prof. Haenel „.. dass H. zum Personenkreis gehört, der als potenzielle Zielgruppe des Gegners angesehen werden muss. Aus diesem Grunde wird vorgeschlagen, den Prof. H. in einer OPK-Sicherung (Operative Personenkontrolle) zu bearbeiten.“ Argwöhnisch wurde seine Reisetätigkeit in das „kapitalistische Wirtschaftsgebiet“ überwacht, Post kam im Institut zeitweilig nie zum wirklichen Empfänger. Telefon- und Wohngebietsüberwachung gehörten dazu wie auch die „Aufklärung aus dem Intimbereich“.
Selbst wegen seiner Teilnahme an der Rundfunksendung „7-10 Sonntagmorgen in Spree-Athen“ 1969 zum Thema Ernährung machten sich die Parteioberen und die Staatssicherheit umfangreiche Sorgen um deren „politische Wirksamkeit“, obwohl Prof. Haenel gerade erst den Orden „Banner der Arbeit“ erhalten hatte. In der Auswertung wurde die Sendung als „unter dem Niveau der Akademie der Wissenschaften“ eingeschätzt. Jedoch erhielt der Sender 1200 Hörerzuschriften und selbst Anrufe aus der Leitung der betreffenden Akademie, die Genaueres zum Thema wissen wollten.
Die Stasi kam mit ihrem Ziel nicht voran und verlegte sich auf die „Herausarbeitung von Pflichtverletzungen“ in seiner Leitungsaufgabe und damit der Schaffung von Gründen für seine Absetzung als Leiter des Zentralinstitutes. Haenel kämpft gegen massive Reiseeinschränkungen der Mitarbeiter zu Kongressen, lehnt Losungen am Institut zum 1. Mai ab. Die Stasi wirft ihm „Stimmungsmache“ vor. 1966 wird einer Delegation die Reise zum Welternährungskongress nach Hamburg mit der Begründung verwehrt, sie stehe unter Schirmherrschaft von Bundespräsidenten Lübke. Haenels Spitzel berichten, er habe beklagt, dass der Sport vor der Wissenschaft rangiere. Er solle gesagt haben: „Am besten wäre, wenn das Institut eine Fußballmannschaft aufmacht, dann kann die nach Westdeutschland reisen, egal ob sie dort 20:0 verliert.“
Mit penetranter Gründlichkeit werden private Feiern überwacht. Aus den Akten: „...Vorbereitung und Einleitung von Maßnahmen zur inoffiziellen und offiziellen sowie operativ-organisatorischen Sicherung der 60. Geburtstagsfeier von Prof. H. ...“
1971 beklagt die Grundorganisation der Partei Haenels fehlenden Klassenstandpunkt. „Stattdessen neigt er zu diplomatischen Lösungen und zu Versöhnlertum. Ursache hierfür ist sein kleinbürgerliches Denken, obwohl er sich um sozialistisches Wissen bemüht.“
Resigniert steht im Situationsbericht der Stasi von 1978, nachdem weitere vier Jahre als Institutsleiter feststanden: „ .. Er wird weiter bestrebt sein, seine Stellung als Lebensmittel- und Ernährungsspezialist national und international zu halten und weiterhin versuchen, den „Ernährungsaußenminister“ zu spielen. ...“
Dr. Friedrich-Karl Grütte, langjähriger Mitarbeiter und Freund von Prof. Haenel hatte sich kürzlich an Erika Haenel gewandt und mit ihr über seine Stasi-Akte gesprochen. Ein dunkler Punkt in seinem Leben behinderte sein Leben nachhaltig, berichtet er nun auch an diesem Abend. Er habe sich im Saal umgesehen. Es ist keiner seiner alten Überwacher da. Das wäre auch fehl am Platz gewesen.
Sein Fehler war es, 1953 politisch aktiv gewesen zu sein. „Ich bin praktisch geköpft worden“, sieht er die Folgen der Bespitzelung heute. Prof. Haenel hatte sich lange Zeit für Grüttes Professur eingesetzt. Eindeutig wurde ihm eines Tages klar gemacht, er solle dies unterlassen, „Grütte wird nie Professor“. „Man wurde mit Dreck beworfen und konnte sich nicht wehren“, beurteilt Grütte seine damalige Situation.
1990 wird Prof. Helmut Haenel nach der politischen Wende aus dem Ruhestand zurückgeholt. Er trägt einen entscheidenden Anteil daran, dass das Ernährungsinstitut der DDR trotz einigen Widerstandes nicht abgewickelt wurde. Am 1. Januar 1992 wurde das Deutsche Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke als Stiftung des öffentlichen Rechts neu gegründet.
Wie konnte diesem totalitären Staat diese massive Überwachung seiner Bürger gelingen, fragt sich Erika Haenel. Die Bespitzelung war getragen vom Misstrauen der Regierung gegen das Volk. Schon jeder Nichtwähler sei unter Generalverdacht feindlicher Tätigkeit gefallen.
Tiefgründig und unsinnig wurden die Bürger ausspioniert. Endlich sollen sich auch die Schulen mit der jüngeren Vergangenheit der eigenen Heimat beschäftigen, begrüßt sie indes die neuesten Entscheidungen zur Schulpolitik und ruft auf, das Wahlrecht verstärkt wieder wahrzunehmen.
Im Vorfeld der Veranstaltung sind im Rahmen des Beratungsangebotes von Mitarbeitern der BStU, Außenstelle Potsdam, mehrere Anträge von Bürgern auf Akteneinsicht entgegengenommen worden. Das Informationsinteresse ist weiterhin sehr groß.
Ute Kaupke
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