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Oskar Picht und Louis Braille -zwei Leben für die Blinden
Am 27. Mai 2003 (s.a. Der Nuthe-Bote 7/8 2003, S. 30) wurde für den am 18. Mai 1945 in Bergholz-Rehbrücke verstorbenen Oskar Picht auf Initiative des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Brandenburg e.V. ein Ehrengrabstein enthüllt. Aber wer war Oskar Picht, warum wird in Bergholz-Rehbrücke an ihn erinnert?
Welchen Wert haben unsere Augen?
Wie leichtsinnig gehen wir so manches Mal mit unseren Augen um. Dabei ist das Vermögen zu sehen der wichtigste Weg zur Erfassung unserer Umgebung. Der Mensch nimmt 85 % all seiner Reize über das Auge wahr. Der Tastsinn und das Gefühl auf der Haut, Geruch und Geschmack machen den Rest aus. Das ist enorm. Schließen wir unsere Augen einmal und versuchen uns, ohne zu sehen im Raum zu bewegen. Es geht in bekannten Räumen gut, unsere Augen haben die Gegenstände bereits an unsere Sinne übertragen, wir „kennen" die Gegenstände. Gleich muss doch das Treppengeländer kommen. Wo ist nur der Lichtschalter, eigentlich wollte ich Zeitung lesen oder den Roman ...
Wären wir wirklich blind, stünden wir ohne Oskar Picht und Louis Braille schier vor einer unlösbaren Aufgabe. Auch ist die verbreitete These, Gehör und Tastsinn entwickeln sich bei Blindheit besser, falsch, das Gehör wird nur besser genutzt, und die Finger werden für den Tastsinn besser geschult. Die ganze Geschichte der Blindenhilfe begann bereits im 18. Jahrhundert ...
Ursache war der Krieg Napoleons
Ein Artilleriehauptmann Napoleons, Charles Barbier, wollte für die Armee eine tastbare Schrift entwickeln, damit die Soldaten auch im Dunkeln wissen, was zu tun sei. Er entwarf 1815 die erste, auf Punkten basierende Schrift. Es setzte sich aber keine seiner Schriftvarianten wirklich durch.
Gleichzeitig erlebte Louis Braille (4.1.1809 - 6.1.1852) in Coupvray bei Paris seine frühe Kindheit. Er verletzte sich mit 4 Jahren an einem Werkzeug seines Vaters ein Auge. Dieses erblindete, kurz darauf auch das zweite. 1784 war in Paris bereits eine erste Blindenschule gegründet worden. Hier musste er sich mit der Schrift von Barbier auseinandersetzen. Braille erkannte bald die Schwächen dieses Systems. Es drückte die Lautschrift aus und berücksichtigte so zu wenig die Rechtschreibung. Zum zweiten bestand sie aus einem viel zu komplizierten 12-Punkte-System.
Braille reduzierte 1825 die Zahl der Punkte auf 6 und ordnete den Buchstaben des Alphabets, den Zahlen und den Schriftzeichen je eine der 63 möglichen Punktekombinationen zu. Man stelle sich eine hochkant gestellte Eierpackung mit 6 Eiern vor. Sind nur links die 3 Eier übereinander eingesetzt, entspräche das dem Buchstaben „L". Um klarzustellen, dass eine Zahl folgt, muss immer das so genannte Zahlenzeichen vorgesetzt werden, sonst könnte die Zahlenfolge auch eine Buchstabenfolge mit mehr oder weniger zufälliger Logik entsprechen.
Zur besseren Erläuterung sind die Punkte des Systems als Grundform alle nummeriert.
Braille ging sehr systematisch darin vor. Die Satzzeichen werden z.B. nur mittels der unteren Punkte dargestellt, wobei Braille berücksichtigte, dass „die Empfindlichkeit der Tastzellen in den Fingerkuppen von der Spitze nach unten abnimmt“, und Satzzeichen werden eben seltener benötigt.
Eine Revolution für Blinde
Zum Schreiben entwickelte Braille auch eine „Tafel" aus einer gelochten Platte nach dem Muster der Grundform. Mit einem spitzen Stift sticht man durch die obere Platte auf eine Grundplatte, die nur Vertiefungen, keine Löcher besitzt. Das zwischengelegte Papier wird geprägt. Dreht man das Papier um, können dank der festeren Papierbeschaffenheit die Erhebungen getastet und damit „gelesen" werden. Das erfolgt normalerweise beidhändig mit den Zeigefingern, die sich die Zeilenfolge schrittweise teilen.
Problem: Es muss spiegelverkehrt geschrieben werden. Über 100 Jahre haben blinde Schüler trotzdem ohne Mühe mit dieser Methode schreiben gelernt. Nun sind Blindenpädagogen der Meinung, das überfordere die Kinder. „Die Folge ist, dass jetzt 6-jährige Kinder ihre Fingerkraft gleich an den Tasten einer Punktschriftmaschine stärken dürfen und das Schreiben auf der Tafel häufig überhaupt nicht mehr lernen." Schlägt hier auch schon „PISA" zu?
Braille ermöglichte erstmals Bildung für Blinde
Befürchtungen, die so andere Kommunikation würde die Blinden und Sehbehinderten in der Gesellschaft isolieren, traten nie ein. Im Gegenteil, sie förderte die Gleichberechtigung. Untereinander können Gleichbetroffene nun problemlos Verbindung aufnehmen und Literatur genießen. Bücher können in dieser Schrift hergestellt und so Aus- und Weiterbildung für Blinde erstmals ermöglicht werden.
Die Brailleschrift setzte sich gegen ähnliche Schriftsysteme im Laufe der Zeit durch. Auf dem Blindenlehrerkongress 1879 wurde sie für Deutschland und 1933 weltweit angenommen.
Schreiben ist langwierig
In den USA wird ein Mr. Hall als Erfinder der Punktschriftmaschine benannt, in. Deutschland ist Oskar Picht (27.5.1871-18.5.1945) der führende Förderer dieser Technik. 1899 stellte dieser Blindenlehrer bereits seine erste Punktschriftmaschine vor. Beider Systeme basieren jedoch auf dem gleichen System. Mit einem Tastendruck ist das Punktenetz des ganzen Buchstaben bereits durch „Positiv-Tafeln" noch in der Schreibmaschine sofort lesbar. Es geht viel schneller, aber die Tafel ersetzt den Blinden den Kugelschreiber der Sehenden, sagen viele. Die Maschine ist natürlich für unterwegs zu schwer.
Ersetzt das Hören die Braille-Schrift?
Zur Platzersparnis und zum schnelleren Lesen wurde auch eine Blinden-Kurzschrift zum Beispiel für den Buch- und Zeitschriftendruck entwickelt. Natürlich gewinnt auch das Medium „Hören" immer mehr Raum. Aber das ersetzt die Blindenschrift natürlich nicht. Denn ein „Querlesen" geht auf einer CD nicht. Auf die neuerdings mögliche PC-Nutzung durch Blinde möchte ich hier nicht eingehen.
Jedoch wird gesagt, dass „handgelesene" Texte besser im Gedächtnis bleiben. Hinzu kommen Funktionen, die kein Hörmedium erfüllen kann: die mit Braille-Schrift geschriebenen Etiketten in der Küche, die so beschrifteten CDs und Kassetten im Schrank oder das Namensschild an der Tür für die ebenfalls blinden Freunde. Selbst Speisekarten gibt es in manchem einschlägigen Lokal schon in Blindenschrift. Trotz der unschätzbaren Vorteile wird die Braille-Schrift von nur ca. 20 % der ca. 155000 blinden Bundesbürger beherrscht. Ursache ist die Erblindung vorwiegend im höheren Lebensalter. Dann wollen viele nicht noch einmal auf die Schulbank, um Lesen und Schreiben zu lernen. Teils verständlich.
Zum zweiten wird von „nur" Sehbehinderten die Beherrschung der Blindenschrift nicht mehr verlangt. Sie können mit etwas Mühe noch immer „normal" lesen, bekommen wegen der starken Belastung aber oft Augen- oder Kopfschmerzen. Es empfiehlt sich aber, beide Lesarten zu beherrschen, um in jeder Situation sich für die günstigere Variante entscheiden zu können.
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